LESEPROBE aus:

Detlev Henschel

Kajak-Abenteuer in Sibirien.
Die erste Soloumrundung des Baikalsees

(ISBN: 978-3-8442-0305-9)


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Diverse Male steige ich aus, um mögliche Stellen für meinen Nachtlagerplatz zu inspizieren – ohne Erfolg. Überall finde ich medizinballgroßes Geröll. Meine Füße sind wieder wie Eisklumpen. Ich schätze, dass ich heute in den letzten elf Stunden um die 40 bis 50 km zurückgelegt haben muss, was meinen Zustand erklären würde.
»Schluss für heute, ich kann nicht mehr!«, bestimme ich schließlich.
Mühsam schleife ich das Kajak das Geröll rauf. Der Rumpf knirscht und knarzt. Es ist eine extrem miese Stelle zum Lagern. Fußballgroße Steine, aber so ist das schon den ganzen Tag. Egal also. Neben einer plätschernden Quelle baue ich mein Zelt auf. Ich weiß, dass ich das eigentlich nicht sollte, da es verhindert, andere Geräusche wahrzunehmen, aber heute ist für mich ein Hauch von plätschernder Idylle wichtiger. Kein anderer Laut trübt die wattige Nebelsuppe hier, kein Vogel, kein Blätterrauschen, keine Wellen. Absolut nichts. Wind darf heute Nacht nicht aufkommen, dann fliege ich weg, da ich die Zelthaken kaum richtig befestigen kann. Nach 5 m Geröllzone fängt die Taiga mit einem steilen Hang an. Die kleine Exkursion in die nächste Umgebung treibt mir eine Gänsehaut den Rücken rauf und wieder runter. Es ist totenstill, und der weiße Branddunst, vermischt mit Nebel und einigen Schneefeldern, verwischen alle Konturen. Mit dem Rücken zum Wasser mache ich ein Feuer an. Vorgegaukelte Sicherheit, aber zumindest können die Bären jetzt riechen, dass der Platz schon besetzt ist. Reis mit Fisch steht heute auf dem Plan, ob es schmeckt, weiß ich nicht, da ich mit allen Sinnen die Natur beobachte. Danach versuche ich, den leckeren Räuchergeruch von den Fingern zu bekommen. Ein Bad im Baikal ist immer noch eine nahezu ultimative Erfahrung. Die Seife löst sich nicht. Der Geruch bleibt. Die wunden Finger und die Lippe kann ich heute nicht tapen und schmieren, ich habe Angst, die Salbe könne zu gut riechen ...


Sechs Tage »Dämmerung« im Nebel und teilweise null Sicht haben meinem psychischen Befinden ganz schön zugesetzt. Mit Sonne und Sicht würde ich diese einzigartige, göttliche Ruhe nie Totenstille nennen, sondern vielleicht eher von einer vollkommenen Schönheit philosophieren, die ihre Perfektion erst in der Lautlosigkeit erreicht. Ich höre das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Meine Sinne sind extrem gereizt. Selbst der sonst ständig rufende Kuckuck ist heute nicht zu hören. Ich klaube meine Lebensmittel zusammen und marschiere beladen zu dem zuvor ausgespähten Baum, um die Sachen aufzuhängen. Als ich ein halb aufgefressenes Viech darunter liegen sehe, bekomme ich weiche Beine. Ein Riss! Welches Tier das einmal gewesen ist, ist schwer festzustellen, aber es sieht aus wie eine Robbe. Dafür bin ich eigentlich noch zu weit im Süden. Weg kann ich nicht mehr, da die Dunkelheit bereits eingesetzt hat und die Sicht gleich null ist. Also hänge ich mein Essen in den einzigen geeigneten Baum hier in der Gegend und taumele zum Zelt. Nach einer fahrigen Kontrolle aller Utensilien krieche ich in meinen Bau. Eine ganz üble Situation stelle ich fest, aber der Schiss hält sich noch in Grenzen. Denn der Bärenfaktor ist bei der Kalkulation des Risikos dieser Reise immer der unsicherste gewesen. Bären sind einfach in allem besser: Sie klettern, schwimmen und laufen schneller und länger. Außerdem können sie perfekt riechen und hören und haben ebenso wie ich immer Kohldampf. Wenn ich im Zelt liege und so ein Teil mich als bestriechendes Futter in der Gegend eingestuft hat, habe ich auch mit Knarre kaum eine Chance gegen eine halbe Tonne Hunger. Es ist auch vollkommener Blödsinn, dass sich Leute vorgaukeln, die Bären kommen nicht in ein Zelt oder man könne Grizzlys mit Geschrei vertreiben –vielleicht macht man sie damit auch erst richtig stinkig oder neugierig.

Im Zelt liegend geht mir ziemlich real ein Video meines Schwiegervaters durch den Kopf, dessen Freund des Nachts von einem Grizzly verschleppt worden ist. Der Bär hat wie in einem Larsson Comic erst das Zelt aufgepellt und sich dann über die fette 100-kg-Made im Schlafsack gefreut. Die hat er dann ebenfalls aus dem Schlafsack gepult und ist anschließend schwuppdiwupp mit ihm im Galopp abgehauen. Zuvor hatte er ihm das Gesicht zerfetzt und dann mit seinen Reißzähnen viermal die Lunge perforiert, denn der Typ wollte selbstverständlich nicht so einfach mit einem wildfremden Bären mitgehen.
Schwiegervater und drei weitere Kumpels haben den Grizzly mit Dreck beschmissen, und erstaunlicherweise ist der tatsächlich alleine stiften gegangen. Den Anglerkumpel hat er achtlos fallen gelassen. Solche Gedanken sind momentan reichlich destruktiv, wie mir meine Gänsehaut am Nacken zeigt. Aber leider ist das genau der Zeitpunkt, wo einem solche B-Movies wieder einfallen.
»Shit!«
Mit Ohren so groß wie die eines Elefanten und mit Nerven, geladen wie die eines vereiterten Weisheitszahnes lausche ich in die Dunkelheit: An Schlaf ist nicht zu denken. Obwohl das Plätschern der winzigen Quelle einiges übertüncht, höre ich, wie sich irgendwann nachts Steine am Ufer bewegen. Große Steine. Außerdem ein Plätschern und Blubbern. Keine Ahnung, was das sein könnte. Um nachzuschauen, bin ich zu feige. Meinen alten Dolch in der Hand harre ich aus und lausche auf das sich langsam, aber kontinuierlich nähernde Geräusch.
»Hört sich an wie ein dicker Seehund, der ’ne feine Stelle zum Schlafen am Strand sucht.«
Aber die Steine ...?
Das Geräusch kommt unerbittlich näher. Erst ein Schnaufen, dann ein Niesen, gefolgt von einem trockenen Husten – meine schlimmsten Befürchtungen werden zur Gewissheit. Es ist ein Bär, und der hat mein Lager entdeckt. Ab jetzt ist jede Entscheidung, die ich mache, endgültig, also besser keine Fehler machen. Dieses Schnaufen ist ein Zeichen der Unsicherheit seinerseits, immerhin ist es sein Yard hier, und meine Klamotten gehören da nicht hin. Hoffentlich riecht alles in der Gegend besser als meine Hände. Ein ganz schön mieses Gefühl zu wissen, dass momentan fast 500 Kilo Fleisch mit langen Krallen und Zähnen vor meinem Zelt stehen und nicht wissen, was sie da anstarren. Dumm nur, dass ich das weiß.
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